Architecture Berlin Cities

Unité d’Habitation Typ Berlin von Le Corbusier

Die Mutter aller Plattenbauten und Le Corbusiers Archetyp der Wohnmaschine. 17 Etagen mit rund 550 Wohnungen, meist Ein-Zimmer- oder zweistöckig angelegte Zwei-Zimmer-Apartments für insgesamt 1300 Menschen.

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Während sich die anderen Architekturkoryphäen der Moderne – Alvar Aalto, Egon Eiermann, Walter Gropius, Arne Jacobsen, Oscar Niemeyer, u.a. – für die Berliner InterBau 1957 alle im Hansaviertel trafen, um das Wohnen der neuen Epoche in einem städtebaulichen Maßstab zu gestalten, verlangte der Großmeister Le Corbusier ein eigenes Areal abseits, welches man ihm schließlich im Westen der Stadt nahe des (von Albert Speer erbauten) Olympia-Stadions gewährte. Sein Projekt hätte sowieso die ohnehin schon großzügig angelegten Dimensionen des Hansaviertels gesprengt.

Die »brise-soleils« sind eine Erfindung des Schweizer Architekten: zugleich Sonnenblende und Veranda. Zudem sind sie konstruktiv und tragen Last, wobei sie keiner der klassischen Kategorien der Tektonik eindeutig zuzuordnen sind – sind sie Wandelement, Pfeiler oder Stütze?

In der Unité d’Habitation kommen die von Le Corbusier geforderten Fünf Punkte zu einer neuen Architektur (1926) in einem gigantischen Maßstab zusammen: freie Grundrissgestaltung und den Einsatz von Pilotis, massive Stützen, die den Bau über das Bodenniveau erheben. Hierdurch ist eine freie Fassadengestaltung möglich. Die durchlaufenden Fensterbänder werden aber nur in den Erschließungsbauten verwendet und der Dachgarten ist inzwischen komplett in Vergessenheit geraten.

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Wie schon für die beiden zuvor in Marseille und Nantes erbauten Unités entwarf Le Corbusier auch in Berlin mit seinem berühmten Modulor-Prinzip. Die Höhe der Decke war damit auf 2,26 m vordefiniert – was deutschen Bauvorschriften widersprach. Realisiert wurde die Berliner Wohnmaschine schließlich mit 2,5 m Raumhöhe.

»Modulor, eine auf dem Goldenen Schnitt beruhende und auf den stehenden Menschen mit erhobener Hand bezogene Proportionsskala Le Corbusiers mit zwei auf die Körpergröße von 1,83 und 1,75 m abgestimmten Reihen.« zit. Koepf/Binding

Als Kulisse für den Film Brazil wären die Flure eine großartige Erfindung, so aber sind sie in ihrer ungeheuerlichen Sprödigkeit ein realer Alptraum mit dem Duft von Polyvinylchlorid. Die fensterlosen Erschließungsgänge, in denen man sich in einer unterirdischen Bunkeranlage wähnt, wurden von Le Corbusier euphemistisch als »Straßen« bezeichnet. Er hatte sie sich wirklich als Begegnungsorte vorgestellt, in denen die Nachbarn verweilen und einen kleinen Plausch einlegen würden.

Zugute halten muss man, dass die Vorschriften des sozialen Wohnungsbaus die ursprünglichen Ideen stark verwässert hatten. Von der komplexen Infrastruktur, die auch die Ansiedlung von Geschäften mit vielfältigem Angebot in eigenen Zwischenetagen ganz im Sinne einer vertikalen Stadt vorsah ist nur ein kleiner Kiosk im Erdgeschoss geblieben.

Damals war sie revolutionär, und zumindest von ihrer Radikalität hat die Unité bis heute wenig verloren. Ob sie Bewunderung, Irritation oder Verachtung hervorrufen mag: als kleinkariert kann man den vor 50 Jahren errichteten Bau sicher nicht bezeichnen.

English synopsis:
The mother of all prefabricated concrete slab-constructions and Le Corbusiers vision of modern living: 17 floors with around 550 apartments for 1300 people. The project was part of the Berlin architecture exhibition InterBau 1957. The most prominent modern architects of the time – Aalto, Eiermann, Gropius, Jacobsen, Niemeyer, a.o. – met to redesign the destroyed Hansaviertel in the center of Berlin. It was only Le Corbusier who requested his own piece of land to fit his even greater plans. He succeeded and his Unité was built in the outskirts of the city.

As with the preceding Unités in Marseilles and Nantes Le Corbusier used his famous Modulor principles for the design. The ceiling height was restricted to 2,26 meter and thereby so low that it conflicted with German building codes. It was modificated to 2,5 meter height. Le Corbusier named the inner access corridors „streets“ and planned it as a meeting place for the neighbors. Conceived without any windows they rather suggest a scenery of the film Brazil. A real nightmare vision with the smell of polyvinyl chloride.
No matter if you admire or despise Le Corbusiers’ vision: One has to admit that after almost 50 years it didn’t lose much of its’ radical nature.

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