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The Present in Drag: Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Seit dem heutigen Samstag ist die 9. Berlin Biennale für Besucher geöffnet. An fünf Orten in der Stadt ist bis zum 18. September die vom Künstlerkollektiv DIS kuratierte Ausstellung The Present in Drag zu sehen. Das kongenial gestaltete Logo ließ schon erahnen, worum es gehen wird.

Courtesy Berlin Biennale

Courtesy Berlin Biennale
Courtesy Berlin Biennale

Die von Mike Meiré entworfene Visual Identity ist irgendwo zwischen einer trendbewussten Sportbekleidungsmarke, einem angesagten Elektronik- und einem multinationalen Finanzkonzern angesiedelt. Die Frage ist klar: was ist Werbung, was ist schon/ noch Kunst?

Courtesy Sabine Reitmaier
Photo: Sabine Reitmaier

Mit dem New Yorker Kollektiv DIS (Lauren Boyle, Solomon Chase, David Toro und Marco Roso), den diesmaligen Kuratoren der Biennale, geht also dahin, wo es weh tut! Der Anspruch: Nichts Geringeres, als mit dem eben doch elitären Kunstsystem aufzuräumen: Allzu gern fühlt sich der Besucher ja allein schon deshalb auf der »richtigen Seite« und moralisch erhaben, weil er es in einen Ausstellungsraum geschafft hat. Wenn in den zu bewundernden Arbeiten dann noch Missstände unserer Welt aufgezeigt werden, umso besser! Dass große Ausstellungen zeitgenössischer Kunst heute allesamt von Unternehmen finanziert sind, die in ihrer Firmenpolicy mitunter äußerst fragwürdig aufgestellt sind, wird dabei nicht thematisiert. Der Museumsbesucher darf sich an intellektueller Kunst erbauen, die Förderer die Fahnen der Kultur schwingen, die besser wirken als platte Plakatwerbung.

Neben den Kunst-Werke Berlin, dem Mutterschiff der Berlin Biennale, geht es dabei in die Akademie der Künste am Pariser Platz, der privaten Wirtschaftshochschule ESMT European School of Managment and Technology im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR und gegenüber der Baustelle des Berliner Schlosses sowie in die neu eröffnete Feuerle Collection und die Barkasse Blue Star, die über die Spree schippert. Damit versammelt die Biennale nach dem Ausflug in der Peripherie der Stadt bei der letzten Ausgabe die Spielorte wieder zurück ins Zentrum der Macht. Aber wo ist Macht im Zeitalter von ausuferndem Lobbyismus, »Big Data«, Klimaerwärmung, Online-Identitäten und »Post-Internet« noch greifbar? Decken sich unsere Vorstellungen der Welt überhaupt noch mit der Gegenwart?

„Willkommen in der Post-Gegenwart. Die Zukunft fühlt sich wie die Vergangenheit an: vertraut, vorhersagbar, unveränderlich – und die Gegenwart steht mit den Unwägbarkeiten der Zukunft alleine da. Wird Donald Trump Präsident? Ist Weizen giftig? Ist der Irak ein Land? Ist Frankreich eine Demokratie? Mag ich Shakira? Leide ich an Depressionen? Sind wir im Krieg?“
DIS

Courtesy Debora Delmar Corp.
Courtesy Debora Delmar Corp.

Bei der diesjährigen Berlin Biennale bedienen sich eine ganze Reihe von Arbeiten visueller Methoden der Werbeindustrie. Die Chance: den betonierten und gut ausgebauten Highway der kundenorientierten Aufmerksamkeitsgenerierung zu nutzen, um gesellschaftliche Fragen wie ein trojanisches Pferd beim Rezipienten einzuschleusen. Die Gefahr folgt auf den Fuß: eine zu starke Gleichmachung mit der Werbung schüttet das Kind mit dem Bade aus, der Diskurs bleibt auf der Strecke. Der angepeilte Mittelweg führt zwischen Skylla und Charybdis: sich nicht dem kommerziellen Mainstream anzubiedern und auch nicht der oberlehrerhafte Diskurs von Morgen zu sein.

In der Akademie der Künste ist die Arbeit von Debora Delmar Corp. zu sehen, welche die komplett fiktive Marke MINT (2016) mitsamt Corporate Identity, Sitzmöbel und einer angeschlossenen Saftbar entworfen hat, die einen unweigerlich an einen Messestand denken lässt.

Courtesy Christopher Kulendran Thomas; New Galerie, Paris
Courtesy Christopher Kulendran Thomas; New Galerie, Paris

Die Installation und Videoarbeit New Eelam (2016) von Christopher Kulendran Thomas beschreibt eine Utopie, in der wir unsere modern eingerichteten Wohnungen genauso sharen, wie das vor der Tür geparkte Drive Now mit Elektroantrieb. Nur nebenbei: Dass BMW Hauptsponsor der Biennale ist, lässt die Grenzen zwischen künstlerisch-ironischer Brechung und Product Placement gänzlich verschwimmen. Mit hauchfeinem Zynismus wird aber suggeriert: In einer globalisierten Welt jenseits nationaler Ideologien können wir morgen auf einem anderen Kontinent zu Hause sein und uns sofort wohlfühlen. Einen Einblick in diesen Smartphone-gesteuerten Traum bietet die Webseite. Das Leben in einer endlosen Reihe wunderschöner, aber unterkühlter Apartments zu verbringen stellt die Wohnung als persönlichen Rückzugsort in Frage – und in einer zweiten Brechung wiederum die Gestaltung der eigenen Individualität durch (Marken-)Einrichtungsgegenstände. Was ist Befreiung, was Kundenbindung?

Photo: Timo Ohler
Photo: Timo Ohler

Neben dieser glatten, von virtueller Ästhetik geprägten Welt aber stolpert der Besucher auch über deformierte Puppen. Transit Mode – Abenteuer (2014-16) von Anna Uddenberg nutzt ein geradezu klassisches Motiv der Kunst des 20. Jahrhunderts, sich dem Schönheitsideal der Mode und Werbung zu widersetzen und findet mit ihren von Verrenkungen gezeichneten Figuren doch ein passendes Bild einer jungen Generation, die Karriere, Kind und alles was man sonst noch braucht, gleichzeitig erreichen will.

Photo: Timo Ohler

Photo: Timo Ohler
Photos: Timo Ohler

Für den Anspruch, den sich The Present in Drag selbst stellt, gehört es zum guten Ton, alternative Ausstellungsorte zu bespielen. Das Fahrgastschiff Blue-Star schippert normalerweise auf der Spree Touristen zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten. Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic haben mit There’s a word I’m trying to remember, for a feeling I’m about to have (a distracted path toward extinction) an Bord die Spuren einer von verbrannter Erde gezeichneten Welt erschaffen. Diese zieht sich ins Unterdeck, die als dunkle, von Wurzeln umschlungene Höhle gestaltet ist. Das Video zeigt eine postapokalyptische Welt nach einem Extinction Day 2032, technoide Menschen in urzeitlichen Behausungen. Seit Filme wie Matrix im kollektiven Gedächtnis verankert sind, braucht der Schauplatz kaum mehr eine Erklärung. Nur die gigantische Ratte fragt: Was kommt eigentlich nach den Ratten? Wenn man dem düsteren Bau wieder entsteigt, erkennt man, dass es keine passendere Location als die schaukelnde Touristenbarkasse Blue-Star für diese Arbeit geben kann.

Photo Gilbert McCarragher
Photo: Gilbert McCarragher

Auch die erst seit Anfang Mai dieses Jahres eröffnete Feuerle Collection am Halleschen Ufer in Kreuzberg stellt der Berlin Biennale ihre beeindruckenden Räumlichkeiten zur Verfügung. Zwischen den von massiven Betonwänden eines lange unzugänglichen ehemaligen Telekommunikationsbunkers ist ein neuer, sehenswerter Ausstellungsraum in Berlin entstanden. Unter anderem thematisieren hier Korpys/ Löffler mit ihrer Video-Installation Transparenz, Kommunikation, Effizienz, Stabilität (2016) den Bau der neuen EZB Zentrale in Frankfurt, entworfen vom ehemals radikalen Architekturbüro COOP HIMMELB(L)AU. Erwähnt sein darf zumindest, dass die Verquickung institutioneller Kunstausstellung mit privatem Mäzenatentum sich auch nicht immer so selbstverständlich anfühlte wie dieser Tage.

Mit ihrem gewaltigen Programm fahren die Kuratoren DIS natürlich wieder auf der altbekannten Avantgarde-Schiene – was gar keine Kritik sein muss: Ihre Leistung ist es, die Verschränkung von Kunst, Geld und Markt, die Selbstvermarktung und -optimierung, die allumfassende Kommerzialisierung des Lebens, die Auflösung klassischer Grenzen der Kultur, kurz: omnipräsente, (nicht nur) in der zeitgenössischen Kunst aktuell relevante Themen anzusprechen und zu versuchen, sie greifbar zu machen – dabei aber das Wichtigste nicht vergessen: immer locker bleiben. Vielleicht in Jahrzehnten nur ein weiteres Kapitel der Diskursgeschichte: aber eines, das unbedingt erst noch geschrieben werden muss.

Courtesy Berlin Biennale
Courtesy Berlin Biennale

Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst läuft vom 4. Juni – 18. September 2016. Spielorte sind Kunst-Werke Berlin, Akademie der Künste, ESMT European School of Managment and Technology, Feuerle Collection und die Barkasse Blue-Star der Reederei Riedel. Weitere Informationen auf der Website.

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