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Reine Räume: Die neuen Meisterhäuser in Dessau

In einem kleinen Kiefernwald in Dessau unweit des Bauhaus gelegen entstanden unter der Ägide des Direktors Walter Gropius selbst die Meisterhäuser, in denen die Lehrer der großen Gestaltungsschule der Moderne unterkamen. Bis 1926 war das Direktorenhaus und die drei Doppelhäuser für László Moholy-Nagy / Lionel Feininger, Georg Muche / Oskar Schlemmer sowie Wassily Kandinsky / Paul Klee fertiggestellt, die alsbald als Sinnbild gesunden und wirtschaftlichen, also modernen Wohnens schlechthin galten. Das Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez hat die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Meisterhäuser von Gropius und Moholy-Nagy auf eigenwillige, aber überzeugende Weise rekonstruiert.

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Kurz vorab: Kein architektonisches Ereignis ist so unmodern wie die Rekonstruktion. Wie wurde zum Beispiel in Rotterdam nach dem Zweiten Weltkrieg darum gekämpft, ob in dem nach den Vorstellungen der Stadtplaner durchgeführten tabula rasa der historischen Stadt die altehrwürdige Große Kerk wiederaufgebaut werden sollte. Und Le Corbusiers Ideen für den »Wiederaufbau« der kleinen französischen Ortschaft St. Dié (1945/46) waren so radikal neu – modern eben –, dass ihre Bewohner Sturm liefen. Die nicht ausgeführten Pläne wurden dafür zu Ikonen der Moderne. Auf den Punkt gebracht bedeutet Moderne eben: Altes abreißen und neubauen.

Dass nun also die Meisterhäuser in Dessau, Inkunabeln der Bauhaus-Moderne, rekonstruiert wurden, scheint daher weniger ein später Sieg nach ihrer jahrzehntelangen Vernachlässigung in der ehemaligen DDR, als vielmehr der letzte Akt, in dem der Geist der Moderne zu Grabe getragen wird, paradoxerweise eben durch ihre Wiederholung. Die Rekonstruktion ist aber deshalb durchaus ein Erfolg, weil sie nicht formal wiederherstellt oder Zerstörtes simuliert, sondern konzeptuell arbeitet und mit zeitgenössischen Mitteln Neues schafft.

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Der Grundriss des Direktorenhaus ist in seinen äußeren Dimensionen wiederhergestellt. Die von Gropius angelegte kleinteilige Raumaufteilung jedoch weicht einem frei fließenden Raumkontinuum. Das Obergeschoss, wo die Dachterrasse die Hauptrolle spielte und dennoch ursprünglich höchst beengt noch acht (!) Räume Platz fanden, löst sich in der Rekonstruktion fast auf. Mehrere Galerien ermöglichen Durchblicke in die untere Etage, hier existiert offensichtlich keine praktische Funktion mehr: reine Räume.

Die Gegenüberstellung des in historischer Form erhaltenen Hauses von Muche mit dem rekonstruierten Bau verdeutlicht die konzeptuelle Übernahme formaler Gestaltungselemente: die vertikalen Treppenhausfenster, Ikonen der Bauhausarchitektur, sind übernommen, jedoch in die abstrakte, fast virtuelle Erscheinungsform der Rekonstruktion übersetzt. Der gegossene Dämmbeton und die Fenster mit eingelassenen Senkgläsern formulieren eine radikale Reduktion der Details.

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Während am Außenbau der rekonstruierte Teil durch seine Primärkörperästhetik mit dem historischen Bestand aber doch in einem harmonischen Zusammenspiel funktioniert, könnte der Kontrast zwischen Bauhaus-Moderne und den zeitgenössischen Neubauten im Innenraum größer kaum sein. Wie im Direktorenhaus wurde auch im Haus Moholy-Nagy nicht auf eine Wiederherstellung der historischen Räume gesetzt, sondern ein vollkommen neues Raumgefühl geschaffen. Das Spiel der vielen Blickachsen, Treppen und Balkone wird hier auf die Spitze getrieben und lässt an Piranesieske Phantasien oder Ecos’ Bibliotheksentwürfe denken. Hier soll später das Kurt-Weill Zentrum Platz für Veranstaltungen, Ausstellung und eine Mediathek finden.

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Als kongenial darf auch die künstlerische Innenraumgestaltung der Neubauten durch Olaf Nicolai gelten. Seine Arbeit Le pigment de lumiére (2014) besteht nicht aus Objekten – die in den puristischen Räumen fast unweigerlich als Fremdkörper erscheinen würden – sondern lediglich aus weißen Farbschichten, die auf verschieden verputzen Oberflächen Muster entwickeln. Je nach Intensität des durch die milchigen Glasfenster fallen Lichts ändert sich ihre Wahrnehmung wie auf einem mehrfach gefalteten Blatt Papier.

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Die Architektur der neuen Meisterhäuser durch Bruno Fioretti Marquez erschafft museale Räume, die nichts mehr außer sich selbst ausstellen – und damit geradezu sakral wirken.

English synopsis:
The Meisterhäuser are situated in a little pine forest close to the famous Bauhaus School in Dessau. The director Walter Gropius himself designed the three twin-houses for the six Bauhaus teachers Moholy-Nagy + Feininger, Muche + Schlemmer, Kandinsky + Klee as well as his own house in 1926. The buidlings soon attained the status as symbols of modern living par excellence. In the Second World War the Directors’ House and the house of Moholy-Nagy were destroyed completely. It was just in 2014 when Bruno Fioretti Marquez architects reconstructed both in a blurry yet persuasive way.

The rebuilding is not a simple repetition of forms as a simulation of history. The architects decided to use a rather conceptual approach and created explicitly contemporary buildings. Though the plan, the dimensions and the exterior forms are reestablished in its pure geometric forms, the use of raw concrete and opal glass give them an almost virtual appearance on the outside. Especially the interior is a distinctive invention fitting for the new function as an exhibition space.

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