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Nguyen Trinh Thi auf der steinigen Suche nach vietnamesischer Geschichte

Die vietnamesische Videokünstlerin Nguyen Trinh Thi beschäftigt sich in ihren Arbeiten kritisch mit ihrem Heimatland. Wegen der in Vietnam herrschenden staatlichen Zensur eine immer wieder problematische Auseinandersetzung. Es entstehen poetische Bilder, offenherzige Einsichten, witzige Momente – die sich zu einem eigenen, künstlerischen Verständnis von »Geschichte« verdichten.

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Eine Video-Installation von Nguyen in Hanoi 2010 zeigt eine Reihe von Menschen, die, stehend und schweigend, essen. Die Teilnahmslosigkeit wird durch den tiefschwarzen Raum, in dem die Projektionen gesetzt sind, noch verstärkt. Erst der Titel der Arbeit, Unsubtitled, verweist subtil auf die umfassend herrschende Zensur. Essen ist ein elementarer Bestandteil vietnamesischer Kultur, doch der damit untrennbar verbundene zwischenmenschliche Austausch (über brisante politische Themen) bleibt unterbunden.

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In der Arbeit Chronicle of a Tape Recorded Over (2010) stellt Nguyen ihr Konzept einer »fragmentierten Geschichte« vor. Geschichte schreitet für sie eben nicht, wie im Schulunterricht gelernt, linear voran und ist logisch erklärbar. Nun ist der Begriff des »Fragments« schon in unterschiedlichsten Kontexten einigermaßen überstrapaziert. Was aber Nguyen in ihrer künstlerischen Videoarbeit vorführt ist so praktisch, so in der Welt verankert und so überzeugend, dass man gar keine Theorie heranziehen muss.

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In einem Land wie Vietnam, wo die Menschen bis heute von einer einzigen, nämlich der offiziellen – propagandistischen – Sichtweise auf den Krieg geprägt sind, fährt sie über den historisch aufgeladenen Ho Chi Minh Trail quer durchs Land und befragt die Alten. Es sind einfache Menschen, und was sie erzählen, lässt ganz unwillkürlich Anteilnehmen an ihren Erlebnissen. Da berichtet ein Großvater, der zufällig auf dem Fahrrad entgegenkommt, wie nach dem Krieg sein Hoden eingeschrumpft ist – und das dies vielen anderen Soldaten auch passiert ist. Er vermutet Agent Orange, aber zu beweißen ist das natürlich nicht. Diese zufälligen Begegnungen sind von einer spontanen Offenherzigkeit der Menschen geprägt, die vermuten lässt, dass sie seit Jahren nur darauf warten, endlich ihre eigene Version der Geschichte erzählen zu dürfen. Wie gefährlich dies aber ist, erfährt Nguyen selbst, denn bei einem anderen Interview am Straßenrand wird sie direkt verhaftet. In der folgenden, geradezu wahnwitzigen Szene, nimmt die versehentlich noch aktivierte Kamera jenes Verhör auf, in dem sich der Polizist ausladend und höchst verächtlich über jene technischen Möglichkeiten von Videokameras und Internet auslässt, die staatsgefährdendes Material öffentlich zugänglich machen. Chronicle of a Tape Recorded Over ist konsequenterweise in voller Länge unter diesem Link zu finden.

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Auch Letters of Panduranga (2015) liegt diese Idee der Suche nach einer alternativen Geschichte zugrunde. In der Videoarbeit geht es zum Einen um eine dokumentarische Spurensuche der alten Cham-Kultur, die bis ins 15. Jahrhundert mächtige Königreiche im heutigen Vietnam regierten. (Mehr über die Kultur der Cham gibt es bei Acanthus in diesem Artikel zu lesen.) Der andere Handlungsstrang begleitet mit eindringlichen Bildern den Briefwechsel eines anonymen modernen Paares im heutigen Vietnam. Die Vorhaben der kommunistischen vietnamesischen Regierung, zwei Atomkraftwerke in einem ehemaligen kulturellen Zentrum der Cham, in Panduranga, zu erbauen, schließt den Kreis zur Vergangenheit. Der Ansatz, die heutigen Nachfahren der untergegangenen Zivilisation zu portraitieren und dokumentarisch festzuhalten, wird in Letters of Panduranga selbst reflektiert und schließlich aufgegeben:

»History is a jigsaw puzzle with pieces never fitting neatly together. And real life is often much more exciting than fiction. It’s full of holes, gaps, incomprehensible and meaningless things that make it alive«.
– Letters of Panduranga

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Die Gegen- nämlich Außenperspektive zeigt Nguyens Arbeit Vietnam the Movie (2016). Während in Vietnam selbst der Amerikanische Krieg entweder glorifiziert oder totgeschwiegen wird, wird in der westlichen Welt Vietnam immer noch fast ausschließlich im Kontext des Vietnamkrieges rezipiert. Vietnam the Movie zeigt Schnipsel aus Dutzenden Hollywoodfilmen, in denen das Land thematisiert ist. Zwischen den auf den ersten Blick unzusammenhängenden Ausschnitten entwickelt sich eine eigene, ganz neue Geschichte, die Strukturen pop-kultureller Geschichtserzählung offenlegt und zugleich höchst amüsant ist. Unser Bild von der Geschichte des Vietnamkriegs wird – ob nun glorifizierend oder kritisch – bis heute aus der amerikanischen Sichtweise gezeichnet. Nicht zuletzt deshalb sind die Arbeiten von Nguyen Trinh Thi so wichtig.

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Die Arbeit von Nguyen Trinh Thi ist vom 14. Mai – 12. Juni 2016 im Rahmen der Gruppenausstellung HERO MOTHER in Berlin zu sehen.

Nguyen Trinh Thi hat Journalismus, Fotografie, Internationale Beziehungen und Ethnografischer Film in den USA studiert und weltweit ausgestellt, u.a. in Hanoi, Singapur, Jakarta, Tokyo, Bangkok, Hong Kong, Paris, London, Kopenhagen, Oslo, Florenz. Sie ist Gründerin des DOCLAB, einem unabhängigen Zentrum für Dokumentarfilm und Bewegtbild in Hanoi.

Weitere Informationen zu Nguyen Trinh Thi und ihrem vielfältigen Werk unter: nguyentrinhthi.wordpress.com.

Alle Abbildungen: Nguyen Trinh Thi

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