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Neu im Kino: Schau mich nicht so an

Die deutsch-mongolische Uisenma Borchu feiert mit Schau mich nicht so an ihr Regiedebüt und brilliert zugleich als ungreifbare Hauptdarstellerin. Der Film erzählt die Geschichte der adretten Hedi, der jungen Mutter Iva und ihrer Tochter Sofia. Was als heiter bis wolkige lesbische Beziehungsgeschichte beginnt, endet mit einem brutalen Donnerschlag. Dazwischen liegt ein überwältigender Einbruch des völlig Fremden, ein »mongolischer Twist«.

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Die geheimnisvolle Hedi (Uisenma Borchu) begegnet über die Tochter Sofia (Anne-Marie Weisz) ihrer Nachbarin, der alleinerziehenden Iva (Catrina Stemmer). Aus der Freundschaft entwickelt sich bald eine leidenschaftliche Liebe, ein heftiges und intensives Ineinanderwerfen der beiden starken Frauen. Der Film strotzt von sexuellen Szenen, die Hauptdarstellerinnen, beide keine ausgebildeten Schauspielerinnen, geben körperlich alles. Dabei vermischt sich Erotisches mit etwas zunächst diffus Bedrohlichem.

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Die Handlung in einer deutschen Großstadt wirft einen stechenden Blick auf unseren Alltag, unsere Vorstellungen von Liebe, Beziehung, Mutterschaft und Erfolg. Der Kampf der fein ausdefinierten, großartig gespielten Protagonisten und die kompromisslose Zuspitzung der Ereignisse ist allein schon ein packendes Kinoerlebnis.

Dem gegenüber stehen, inhaltlich nur leicht verknüpft, Szenen in der mongolischen Betonwüste und einer beengten Steppenjurte. Sie spielen mit assoziativen Bildern, die frei fließen, einer eher mythischen Erzähltradition zu Grunde liegen und uns zwangsläufig etwas ratlos zurücklassen. Schau mich nicht so an erzählt nicht nur von zwei unterschiedlichen Welten, es sind vielmehr zwei elementar anders aufgebaute Geschichten. Deshalb kann auch eine noch so feinfühlige und dem Lehrbuch nach richtige psychologische Ausdeutung der Handlungen der Hauptprotagonisten nur die eine Hälfte erklären – und zielt am Kern des Films vorbei.

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Die zunehmend dominante Hedi lebt mit Iva in einer sich nie ganz bekennenden Beziehung, als Ivas Vater nach Jahren wieder in ihr Leben tritt. Der folgende »mongolische Twist« findet in seiner Radikalität kaum filmische Vergleiche – und ist höchst verstörend.

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An einer einsamen Hotelbar verführt Hedi den wenig willensstarken, alten Mann – großartig gespielt von Josef Bierbichler – mühelos. Hier kitzelt der Film gehörig an den Moralvorstellungen der westlichen Kultur: Wenn die Lebenspartnerin mit dem eigenen Vater schläft, brechen die stärksten Pfeiler des eigenen Weltbildes in sich zusammen.

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Bevor sie miteinander schlafen, schildert ihm Hedi – ein wesentlicher Teil ihrer Verführung – das Leben in der mongolischen Jurte, in der mehrere Generationen auf engstem Raum und unter einem Dach zusammenleben. Die Mongolen, so säuselt sie dem lüsternen Mann ins Ohr, haben dort ständig Sex. Die Anwesenheit der Familienmitglieder – Kinder, Eltern, Großeltern – wird akzeptiert. Man tut es, aber redet nicht darüber. Ein Tabu im Freudschen Sinne. Der Sex mit Ivas Vater scheint für Hedi aber mehr ritualisierte Handlung als echtes Begehren zu sein.

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Zwei moralische Paradigmen unterschiedlicher Kulturkreise treffen mit Wucht aufeinander. Das Sehen, vielmehr das falsch Sehen und Gesehen werden, sind schon im Titel des Films angesprochen. Oberflächlich scheint Hedi, hier bringt die mit fünf Jahren aus der Mongolei nach Deutschland gekommene Regisseurin Borchu autobiographische Erfahrungen mit ein, in der westlichen Kultur angekommen. Die Wurzeln aber, so ahnt man, basieren auf fundamental anderen Strukturen. Der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat dafür den schwer fassbaren Begriff des mythischen Denkens geprägt, der sich jenseits einer (westlich geprägten) Rationalität erstreckt.

Verstörend an diesem Film ist heutzutage auch die Aussage: wenn Fremdes aufeinander trifft, löst sich nicht immer alles unwillkürlich in Wohlgefallen auf. Die Frage der Schuld lässt sich in den Verstrickungen der Protagonisten nicht klären. Gewalt und Zerstörung aber entfalten einen eigenen Sog, der alles unterschiedslos zu Grunde gehen lässt.

Was ist die Moral der Geschichte? Am ehesten: Kunst lässt sich nicht in klassische moralische Kategorien einteilen. Kunst ist der Ort, an dem unterschiedliche Weltbilder aufeinander treffen können und dürfen. Es ist ein Glücksfall, dass der auf dem Filmfest München 2015 mit dem Fipresci Preis ausgezeichnete Film in die deutschen Lichtspielhäuser kommt – und zeigt, was mutiges und mitreißendes Kino jenseits des Konsens sein kann.

001_SCHAU_MICH_NICHT_SO_ANAlle Abbildungen: Zorro Film

Ab 16. Juni 2016 im Kino

Schau mich nicht so an

Regie: Uisenma Borchu.
Mit Uisenma Borchu, Catrina Stemmer, Josef Bierbichler, Anne-Marie Weisz
D 2016, Verleih Zorro Film GmbH, 88 Min.

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