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Luther und die Avantgarde in Wittenberg

In einem ehemaligen Gefängnis in Wittenberg findet vom 19. Mai – 17. September 2017 die hochkarätige zeitgenössische Kunstausstellung Luther und die Avantgarde statt. Luther dient in der Ausstellung weniger als religiöses Vorbild denn als konzeptueller Aufhänger: Die Künstler arbeiten sich an seinen Leistungen als Freiheitskämpfer gegen die päpstlichen Ablasshandel und an seinen bahnbrechenden Errungenschaften für die Herausbildung der deutschen Sprache – die durch seine Bibelübersetzung überhaupt erst kanonisiert wurde – ab.

Ein historisches Artefakt der besonderen Art – und allein schon Grund für einen Besuch – ist das Gebäude selbst. Die 1906 erbaute Haftanstalt wurde nicht aufwendig für die neue Funktion als Ausstellungsraum restauriert, sondern nach dem langen Leerstand lediglich gereinigt und aktuellen Bradschutzrichtlinien angepasst. Die Geschichte des Gefängnisses liegt noch großteils im Dunkeln; es ist ein beklemmender Ort, in dem die Zellen der Gefangenen (inkl. ihrer Wandzeichnungen) hautnah erlebt werden können – und der die Ausstellungsthematik von Freiheit-Unfreiheit aufs Äußerste pointiert.

Im Keller zeigt Christian Jankowski sein von den Castingshows à la Deutschland sucht den Superstar inspirierte Casting Jesus (2011), in dem verschiedene Bewerber von einer dreiköpfigen Jury danach bewertet werden, wie überzeugend sie den Segensgestus darbieten oder Wunder vollbringen können.

Courtesy the artist and Lisson Gallery, London

Ai Weiwei, der seine eigenen schmerzlichen Erfahrung in einem chinesischen Gefängnis schon einmal künstlerisch artikuliert hat, stellt einen massiven, in zwei Häften geteilten Betonblock in die Mitte der Zelle. Nur sein Volumen ist als Negativ im Inneren des Würfels ausgespart – ein Raum, der als ultimativer, individuell an Ai angepasster Freiheitsenzug verstanden werden kann.

Alexander Kluges Mehrkanal-Videoinstallation spannt den Bogen von Luther zur Avantgarde. Luther selbst hat sich sicher nie als Avantgarde verstanden, denn der geschichtsphilosophische Begriff etabliert sich erst im 19. Jahrhundert. Konsequenterweise begräbt ihn Kluge in seiner intelligenten Arbeit dann auch auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Die Idee einer gesellschaftlichen Vorhut (so die deutsche Übersetzung des ursprünglich militärischen Begriffs Avantgarde) lässt sich im 21. Jahrhundert kaum mehr aufrechterhalten.

Ein gefundenes Fressen ist eine Ausstellung über Luther, noch dazu in vormaligen Gefängnismauern, dagegen für Jonathan Meese („Religion ist eine Illusiooooon“). In seiner Zelle sind die Spuren seiner Performance zu besichtigen, die gleichzeitig als Video gezeigt werden. Seine Arbeit bekommt im Ausstellungskontext eine Prägnanz, die sich im musealen White Cube so nur selten entfaltet.

Eine der spannendsten Arbeiten trägt der chinesische Künstler Xu Bing mit der Arbeit Book from the Ground (seit 2003) bei. In der Tradition der  Konzeptkunst hat dieser in einem fortlaufenden Werk eine eigene Symbolsprache von einiger Komplexität entwickelt. Für die Ausstellung hat Bing die Lutherbibel – selbst eine berühmte Übersetzung – in seine abstrakten Zeichenlettern übersetzt. Es schwingt hier die Walter Benjaminsche Idee einer idealen Sprache und natürlich der Gedanke von Kunst als universeller Sprache mit. Seine Zelle erinnert dabei an die technologische Version eines Alchemistenlabors. Dabei entbehrt seine wörtliche Übertragung in Symbole nicht einem gewissen Humor.

Es bleibt zu hoffen, dass die temporär geplante Umnutzung des Gebäudes nur der Auftakt für die Etablierung eines spannenden zeitgenössischen Kunstraums in Wittenberg ist. Aber auch das schmucke Städtchen Wittenberg – ehemalige Wirkungsstätte der Cranachs (ein großer Altar hängt in der Schlosskirche) mit seiner vom Krieg großteils verschonten Innenstadt – lohnt einen Besuch.

Luther und die Avantgarde

Ehemalige Haftanstalt Berliner Straße
Berliner Straße / Ecke Lucas-Cranach-Str.
06886 Wittenberg
19. Mai – 17. September 2017
Täglich 10-19 Uhr

Mit Eija-Liisa Ahtila, Ai Weiwei, Art & Language, Stephan Balkenhol, Christian Boltanski, Monica Bonvicini, Maurizio Cattelan, Mat Collishaw, Olafur Eliasson, Ayse Erkmen, Elger Esser, Isa Genzken, Adrian Ghenie, Dorothee Golz, Manuel Graf, Assaf Gruber, Axel Heil + Roberto Ohrt, Diango Hernandez, Jörg Herold, Thomas Huber, Richard Jackson, Christian Jankowski, Jia, Ilya und Emilia Kabakov, Yury Kharchenko, Jürgen Klauke, Alexander Kluge, Korpys / Löffler, Eva Kot‘átkova, Olya Kroytor, Mischa Kuball, CsillaKudor, Ulrike Kuschel, Andrey Kuzkin, Thomas Locher, Markus Lüpertz, Antje Majewski mit Paweł Freisler und Ewa Majewska, Jonathan Meese, Olaf Metzel, Miao Xiaochun, Marzia Migliora, Achim Mohne, Christian Philipp Müller, Eko Nugroho, Pjotr Pawlenski, Ivan Plusch, Johanna Reich, Sebastian Riemer, Robotlab, Julian Rosefeldt, Michael Sailstorfer, Luise Schröder, Andreas Slominski, Song Dong, Juergen Staack, Sun Xun, Jan Svenungsson, TalR, Pascale Tayou, Günther Uecker, Paloma Varga Weisz, Cornelius Völker, Erwin Wurm, Xu Bing, Zhang Huan, Zhang Peili

© Julian Rosefeldt und VG Bild-Kunst, Bonn