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Kosmische Leere: Salk Institute von Louis Kahn

Das Salk Institute for Biological Studies (1959-65) von Louis Isadore Kahn (1901-74) steht im Norden von La Jolla und ist Teil der San Diego University of California.

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Zwei parallel zueinander stehende Bauriegel, vier Stockwerke hoch, an denen jeweils fünf durch Verbindungsstege angeschlossene Turmbauten in den Innenhof ragen. Es ist eine eindringliche Konzentration der Architektur und zugleich eine ganz unverhoffte Platzanlage, die auf die Weiten des Ozeans hinführt. Kent Larson bezeichnet diese Plaza als »cosmic void« und als »perhaps the most sublime space in the twentieth century«.

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Ein schmaler Kanal führt Wasser über die in italienischem Travertinstein ausgelegte Plaza und ergießt sich im Westen in Kaskaden in einer skulpturalen Brunnenanlage.

Der Bakteriologe Jonas Salk erregte 1955 mit seinem neu entwickelten Impfstoff gegen Polio weltweite Aufmerksamkeit. Anstatt Profit für seine Forschung einzufahren, verzichtete er auf eine Patentierung des Medikaments, wodurch Kinderlähmung weltweit zurückgedrängt werden konnte. Mit Hilfe der National Foundation for Infantile Paralysis errichtete Salk dann sein neues Forschungsinstitut: in seiner Vision ein Ort, wo sich die Biologie mit den Geisteswissenschaften vereinen, wo sich Künstler und Humanisten gegenseitig inspirieren und die Grenzen der Wissenschaft erweitern sollten. Einen Verwandten im Geiste fand Salk schließlich in Louis Kahn, der gerade die Laboratorien des Richards Medical Center in Philadelphia baute.

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Jede Forschungsabteilung sollte – hier waren Salk und Kahn sich einig – kleine Studienzimmer besitzen, in denen sich die Wissenschaftler abseits von den Laboren in Klausur begeben können. Im spitzen Winkel ragen die Räume aus den Türmen heraus, zum Hof hin durch Betonwände abgeschirmt, nach Westen durch große Fensterfronten geöffnet. In einer Reihe stehen sie als Elfenbeintürme der Wissenschaft mit eigenem Pazifikblick. Harmonisch wirkt dabei auch der Einsatz von Holz – ehrwürdiges (und wetterbeständiges) Burmesisches Teak –, das in seinem organischen Alterungsprozess dem harten Beton einen starken visuellen Akzent gegenüberstellt.

Die Freude des Architekten an Durchblicken und der skulpturalen Gestaltung wird bei den Verbindungskorridoren und Treppenanlagen deutlich.

Beton und die südkalifornische Sonne sind die beiden Hauptprotagonisten der monumentalen Inszenierung.

Die Architektur spielt meisterlich mit der Wirkung von Licht und Schatten. Es ist Louis Kahns moderne Interpretation eines griechischen Tempelgeländes: Die plastische, reine Körperlichkeit, freistehend in der weiten Landschaft und in all seiner Kargheit erleuchtet von der Sonne. Die Behandlung des rohen Betons erreichte im Salk Institute eine bis dahin beispiellose Präzision.Die verschiedenen Stadien, bis die perfekte Betonmischung gefunden wurde, hat Kahn wie Fossilien als eine quasi auto-archäologische Ausstellung an den Wänden im Untergeschoss sichtbar gelassen.

Die Schalungshölzer, in denen der Beton gegossen wurde, waren von sechs Schichten Kunstharz ummantelt, wodurch die Oberflächen unglaublich gleichmäßig und weich wurden. In den Wänden blieben kleinere Fehlstellen, vor allem aber die Schalungsanker als visuelle Textur sichtbar. Kahn kürt hier eine konstruktive Notwendigkeit zum gestalterischen Element – das Tadao Ando später zum Stilprinzip erheben wird.

»I would like to add one more requirement. I would like to be able to invite Picasso to the laboratories.« – Jonas Salk

 

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Im Westen schließen sich der abfallenden Topographie folgend wiederum symmetrisch zwei fünfstöckige Bürobauten an. Das Wasserbecken kühlt, die Sitzgelegenheiten bieten einen grandiose Sicht auf die unbebauten Hügel und den Ozean.

Das 1965 fertiggestellte Salk Institute ist sicherlich ein Meisterwerk in Kahns Oeuvre, aber auch ein »Schlüsselwerk« zwischen den großen Architekten der Moderne und der in den 1960er Jahren auftretenden jungen Generation der amerikanischen Postmodernisten. Nicht zuletzt Robert Venturi, der Vater der Postmoderne, zieht in seinem bahnbrechenden Complexity and Contradiction in Architecture seinen Hut vor Louis Kahn.

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