Interior

Junges Design Berlin: Martha Schwindling

Die junge Designerin Martha Schwindling (*1988) hat in Karlsruhe und New York studiert und entwirft auf den ersten unscheinbare, auf den zweiten irritierende und auf den dritten Blick geniale Einrichtungsgegenstände und Objekte. In ihrem Studio in Neukölln arbeitet die Wahlberlinerin für Unternehmen wie USM und Wallpaper*. Für Acanthus gibt sie einen Einblick in ihre Arbeiten.

acanthus_schwindling_Sphere_situ2 Abbildung: Schönbuch

Sphere ist ein Schminktisch, den Schwindling 2011 für eine Ausstellung des Wallpaper* Magazins entworfen hat und inzwischen von Schönbuch in die Kollektion aufgenommen wurde.

Schwindling: »Als Wallpaper* mich bat, einen Schminktisch zu entwerfen, wollte ich einen Tisch gestalten, der bescheiden ist und der auch, aber nicht nur, als Schminktisch funktioniert. Deswegen habe ich den drehbaren Spiegel zur Seite gerückt. So entsteht – ästhetisch und funktional – Platz für weitere Nutzungsmöglichkeiten, etwa als kleiner Schreibtisch.«

Block Box Abbildung: Robert Hamacher

Die Block Box ist ein stapelbares Ordnungssystem für Papiere, in seiner Größe perfekt für DIN A4 ausgelegt. Das Material, leichter Schaumstoff, nimmt spielerisch die visuelle Erscheinung von schwerem Beton auf. Inspiration zum Thema »Materialimitation« fand Schwindling bei Jährmärkten, Theaterkulissen und Szenerien im Naturkundemuseum, in der die Tiere in illusionistischen Landschaften stehen.

Schwindling: »Es gibt ja eine ganze Menge von Baustoffen für den Wohnraum, die andere Materialien nachahmen: Keramikfliesen, die aussehen sollen wie Marmor, Laminatböden, die so tun als seien sie aus Massivholz, Stuck aus Styropor, etc. Kein Wunder, denn unsere vier Wände sind ja auch eine Kulisse, die unserem Besuch und auch uns selbst manches vortäuscht: Man stattet sie so aus, dass sie am ehesten einem Idealbild nahekommt. Und wenn echter Marmor zu teuer ist, dann nimmt man eben die Nachbildung.

Ich wollte mit der Block Box dieses Phänomen auf die Spitze treiben: Der handgegossene, flexible Polyurethanschaum sieht durch seine marmorierte Färbung auf den ersten Blick aus wie Stein oder Beton. Wenn man die Kisten anfasst, sind sie aber sehr weich und leicht.

Beim ersten Berühren erschrickt man fast ein wenig. Mir gefällt diese Übertreibung, weil sie die Täuschung sofort als solche entlarvt: Es gibt ja kaum ein Material, das weniger mit Stein zu tun hat, als weicher PU-Schaum.«

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Jar und Split Bowl sind zwei Gefäße, die Schwindling für Schönbuch entworfen hat. Gemeinsam ist ihnen, dass sie keine Ober- und Unterseite besitzen, sondern jeweils anders funktionieren. Jar ist aus mundgeblasenem Glas gefertigt und kann als große Obstschale oder kleinere Ablagefläche verwendet werden. Split Bowl besteht aus zwei Hälften, die variabel gedreht werden können und immer neue, kreative Anwendungsmöglichkeiten eröffnen. Das gedrechselte Holz ist auch haptisch ansprechend.

acanthus_schwindling_Splitbowl_situ4 Abbildungen Jar und Split Bowl: Schönbuch

»Meine Produkte entstehen meist aus Beobachtungen des Alltags heraus:
Wie benutzt man dieses oder jenes Gebrauchsobjekt? Könnte es auch anders funktionieren? Was passiert, wenn ich eine bestimmte Eigenschaft hinzufüge oder wegnehme?
Oft ist also ein existierender Gegenstand Grundlage meiner Arbeit, den ich neu interpretiere oder modifiziere.
Im besten Fall entsteht dann ein Objekt, das so selbstverständlich aussieht, als existiere es schon sehr lange. […]

Und es ist mir wichtig, ›gesellige‹ Produkte zu entwerfen, die sich in jede beliebige Umgebung leicht einfügen und die in Kombination mit den meisten Möbeln und Objekten gut aussehen. Oft sind sie eher unauffällig, aber in der Benutzung soll man sie erst richtig zu schätzen lernen, auch über Jahre hinweg. Deswegen entwerfe ich auch gerne Produkte, die alleine gar nicht funktionieren, sondern erst in Kombination mit anderen Gegenständen einen Zweck erfüllen, wie Garderoben oder Container zur Aufbewahrung anderer Dinge.«

acanthus_schwindling_Pinballs

Die kleinen Pinballs sind eine so einfache wie stilvolle Variation des Ansteckers oder Buttons. Kleine dezentfarbige Kugeln, die echte Hingucker für das minimalistische Outfit sind!

acanthus_schwindling_SteelTriangle Abbildungen Pinballs und Steel Triangle: Robert Hamacher

Das elegante Steel Triangle ist aus Federstahl gefertigt, die Zahlen und Linien sind präzise in die Oberfläche geätzt. Die kreisrunden Perforierungen ergeben nicht nur ein schickes Muster, sondern ermöglichen als Sichtlöcher zugleich die Orientierung auf dem Papier. Eine geniale Kombination aus dem klassischen Geodreieck und den üblichen Stahllinealen, die außerdem ästhetisch so überzeugt, dass sie eigentlich jeder kreativ auf dem Papier Arbeitende in seinem Besitz wissen sollte!

Schwindling: »Das Geodreieck ist eine Antwort auf die Plastikgeodreiecke, die sicher viele noch aus der Schulzeit kennen: Während bei letzteren ständig die Ecken abbrechen, kann man das Steel Triangle sogar zum Schneiden mit dem Cutter benutzen.« KKAARRLLS Spring 2011 Abbildung: Philip Radowitz

Clap Box ist wie Block Box ein Ordnungssystem, dass die Nutzung der einfachen Aufbewahrungskiste auf andere Weise auf den Kopf stellt. Die Schubladen können übereinander sortiert oder an eine Kante gehängt und am ledernen Griff einfach transportiert werden. Die hochwertige Verarbeitung des Blechs zeigt sind in Details wie dem Scharnier, das an einem Stück aus der Kiste herausgearbeitet ist.

Martha Schwindling (*1988) hat Produktdesign an der HfG Karlsruhe und der School of Visual Arts in New York studiert und erste praktische Erfahrungen bei Stefan Diez in München erworben. Seit 2011 arbeitet sie mit ihrem eigenen Studio für Firmen wie USM, Wallpaper*, Schönbuch und Pulpo. Sowohl 2016 als auch 2015 war sie beim German Design Award als Newcomer des Jahres nominiert. Anlässlich des 50. Jubiläums von USM nahm sie 2015 an der großen Ausstellung »Rethink the Modulor« auf dem Salone del Mobile in Mailand teil.

Mehr über Martha Schwindling
Website: marthaschwindling.com
Instagram: @marthaschwindling

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