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Ein Tag am Strand: Lovell Beach House von Rudolph Schindler

Ein phantastisches Strandhaus steht an der »Ocean Front« auf der Landzunge Newport Beach, von Hollywood ca. 50 Meilen die Küste runter.

Die heute vollständig bebaute Strandpromenade war zu Beginn der 1920er Jahre noch nicht erschlossen, als sich ein früh-hippiesker Exzentriker hier sein Stranddomizil bauen ließ. Dr. Philipp Lovell war ganzheitlicher Mediziner und propagierte als Autor für die Los Angeles Times in der bekannten Kolumne Care of the body einen alternativen Lifestyle: ein Leben im Freien mit täglicher körperlicher Ertüchtigung, Kalt- und Heißwasserkuren, nacktem Sonnenbaden und dem Genuss von ausschließlich unverarbeiteter, roher, vegetarischer Kost.

Planer und Erbauer war der in Wien geborene Rudolph Schindler, der von der Architekturgeschichte viel zu lange vergessen war. Schindler (1887-1953) studierte unter Otto Wagner und Adolf Loos, also bei nicht weniger als zwei der progressivsten Architekten seiner Zeit. Nach dem Abschluss verwirklichte er seinen lang gehegten Traum und segelte im Juni 1914 – nur wenige Wochen vor Ausbruch des ersten Weltkrieges – in die Vereinigten Staaten. Mehrere Jahre arbeitete er beim berühmten Frank Lloyd Wright, bevor er sich 1921 selbstständig machte.

Das Lovell Beach House (1922-26) war eines seiner frühesten eigenständigen Projekte. Über drei Stockwerke erhebt sich das Gebäude über den Sand, der ursprünglich frei unter dem Haus hindurch wehen durfte. Für die Konstruktion verwendete Schindler fünf in regelmäßigem Abstand parallel zueinander stehende Stahlbetonrahmen, die den Bau visuell in Nord-Süd-Ausrichtung in vier gleich große Teile gliedern. Die Erschließung ist durch zwei diagonale, den orthogonalen Rahmen durchbrechende Aufgänge von Norden her möglich, die von dem über den Eingangsbereich imposant vorkragenden zweiten Stock überdacht werden. Zudem führen an der schmaleren Ostfassade eine Garageneinfahrt und ein Serviceeingang ins Innere.

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Vom zweistöckig konzipierten Wohnbereich gewährt eine große Fensterfront einen grandiosen Blick nach Westen, auf die Weiten des Pazifik. Ein Balkon mit schlichter, weißer Betonbrüstung, auch die markante Gliederung des Fensters durch türkise Holzfassungen betonen die Horizontale. Geheizt wurde im Winter, der auch in Südkalifornien empfindlich kühl werden kann, – ganz im Sinne der Körperkultur Lovells – nur mit einem einfachen Kamin im Wohnzimmer. In der zweiten Etage befanden sich die Schlafräume (auch für Gäste), wobei im Sommer bevorzugt die nördlich angrenzenden »sleeping porches«, direkt über dem Eingang gelegene, halb offene Balkone genutzt wurden, wo man die kühle Nachtluft und den freien Blick in die Sterne genießen konnte.

Auch das Erdgeschoss war ursprünglich offen, so dass man sich hier, vom Strand kommend, abduschen oder am Kamin aufwärmen konnte. Auch wenn einige Elemente des Konzepts heute verbaut sind: Außen und Innen sind im Lovell Beach House bis heute nie getrennte Bereiche, sondern durchdringen sich.

Kurioserweise lässt sich Rudolph Schindlers Konzept für das Lovell Beach House ohne weiteres mit den nachhaltig die Architektur der Moderne prägenden architektonischen Prinzipien Le Corbusiers – die er in seinen berühmten fünf Punkten dargelegt hat – in Einklang bringen (siehe hier). Eine Inspiration durch den großen Schweizer scheint jedoch schon wegen des frühen Entstehens des Strandhauses unwahrscheinlich. Zudem könnte Le Corbusiers rigide Idee der Raum-Typen von dem freien Gestaltungsansatz des Bohemiens Schindler weiter nicht entfernt sein.

Weder protzig noch luxuriös, steht es seit neun Jahrzehnten mit einer ungekünstelten Eleganz zwischen den ständig neugebauten und wieder abgerissenen Fertigbauhäusern. Vielleicht schafft es das Strandhaus nicht zu einer Prinzessin der Moderne, aber zu einer vergnüglichen Lebenskünstlerin allemal.

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