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Die Ruinen von My Son

Die hinduistischen Tempelanlagen von My Son in Zentralvietnam wurden vom 4. – 13. Jahrhundert erbaut und waren nach dem Untergang der Cham-Kultur in Vergessenheit geraten. Allein die Lage ist beeindruckend. Das abgelegene, von Bergen umgebene Tal ist nur über eine Straße von Norden her erreichbar. Selten bauten die Cham so weit im Landesinneren.

Das Volk lebte überwiegend an den Küsten, betätigte sich als Fischer, Händler und Piraten. Obwohl niemals unter einem Königreich vereint, sondern nur lose verbunden und in unabhängigen Städten organisiert, waren die Champa über viele Jahrhunderte dem Reich der Viet im Norden mindestens ebenbürtig. Sie herrschten über den gesamten südlichen Teil des Landes, das heute Vietnam heißt. Nachdem sie unter der Herrschaft eines Kriegerkönig die Vietnamesen bis Ende des 14. Jahrhunderts fast gänzlich unterworfen hatten, folgte nach dessen Tod auf dem Schlachtfeld ein rascher Niedergang. 100 Jahre später wurden sie bis weit nach Süden zurückgedrängt und gelangten nie wieder zu alter Stärke. Nach vietnamesischen Aufzeichnungen ging im Jahr 1692 das letzte eigenständige Königreich der Champa unter, ihre Nachfahren aber leben noch heute in Vietnam.

Eng verknüpft mit der Cham-Kultur ist der französische Archäologe Henri Parmentier, der die erste Expedition nach My Son leitete und die Forschungen in seinem Opus magnum Inventaire descriptif des monuments cams de l’Annam (1909, 1918) veröffentlichte. Schon seit den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen umrankte die Ruinen das Mysterium, wie einfache Ziegelbauten ein Jahrtausend überdauern konnten. Die ungeheuerliche, weltweit nicht mehr erreichte Perfektion der Ziegelkonstruktion lässt die Wände als einheitliche Fläche erscheinen, in die direkt Skulpturen und ornamentale Muster eingearbeitet wurden. Das Rätsel konnte bis heute nicht endgültig gelöst werden. Hartnäckig hielt sich die Theorie, dass mit noch nicht getrockneten, ungebrannten Lehmziegeln gearbeitet wurde und der Bau erst nach Fertigstellung mehrere Tage lang durch ein großes Feuer gebacken wurde. Bei immerhin bis zu 14 Meter hohen Türmen schon aus statischen Gründen eigentlich unmöglich, müsste der nasse Lehm doch schon beim Aufbau wegen seines eigenen Gewichts in sich zusammensacken. Heute geht die Wissenschaft von einer Behandlung der vorgebrannten Ziegel mit zerriebenen Muscheln und einem speziellen Harz aus, das in den rái Bäumen Zentralvietnams zu finden ist, und im Bootsbau noch heute als Bindemittel verwendet wird.

Der Kalan genannte Haupttempel ist das wichtigste Element eines jeden der sieben heute noch zu besichtigenden Bauensembles. Nach hinduistischem Glauben war dies der Wohnsitz der Gottheit selbst. Der Bau war als Höhle konzipiert, das spitz aufragende Dach als Bergspitze, beides seit Urzeiten ideale Ruhestätten für göttliche Wesen. Das Innere war völlig schmucklos, im Zentrum stand ein einzelner Altar. (Fast) Immer ist der Eingang nach Osten ausgerichtet, der aufgehenden Sonne entgegen, wo alle kosmologische Bewegung beginnt.

Der Khe-The, ein kleiner Fluss, trennt diese Tempel von den anderen Gruppen. Letztere sind, eine nur in My Son vorkommende Besonderheit in der Cham Architektur, nicht nach Osten, sondern nach Westen und zum Fluss hin ausgerichtet. Der aus den Bergen kommende Khe-The wird damit Zentrum und nimmt eine besondere Stellung in My Son ein: der gesamte Tempelbezirk kann damit als gebautes Mandala, als heiliges geometrisches Diagramm gelesen werden.

Mit der sogenannten A Gruppe war der künstlerische Höhepunkt von My Son zu bewundern, nicht zuletzt der berühmte, 24 Meter hohe Kalan A1 galt als großartigster Ausdruck der Cham Architektur überhaupt. Im August 1969 warf ein amerikanischer B52 Bomber seine Fracht über dem Gebiet ab, die die Gruppe A nahezu vollständig zerstörte. Insgesamt wurden über zwei Drittel der gesamten Tempelanlagen von My Son bei US-Bombardements vernichtet.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit der Tempelarchitektur der Cham mit derjenigen von Zentraljava im 7. – 9. Jahrhundert. Die Insel Java, die heute zu Indonesien gehört, liegt immerhin knapp 2.500 km südlich von My Son.

Aber auch damals sind die Menschen schon sehr weit gereist. Die Insellage inmitten des Archipels war für die Bewohner Javas sogar ein Vorteil: mit Booten konnten große Distanzen vergleichsweise schnell überwunden werden. Handel getrieben wurde nicht nur zwischen den Küstenstädten im gesamten Südostasien; auch der von und nach Indien zu überquerende Golf von Bengalen war rege befahren. So verbreitete sich auch der Hinduismus schon in den ersten Jahrhunderten nach unserer Zeitrechnung auf dem indonesischen Archipel und dem Festland.

Es ist ein eigentlich paradoxes Ereignis: Das Königreich der Champa erlosch schon vor vielen Jahrhunderten und ihre Monumente waren längst verfallen. Doch die Ruinen, die erhalten werden konnten, erhöhen nur das Gefühl des Verlustes und des unweigerlichen Verfalls, aber auch einer Ehrfurcht, welche diesen Ort umgeben.

Noch in den 1980er Jahren hatten die Restauratoren von My Son vor Ort keine Elektrizität und mussten sich zu Fuß auf den Weg zu den Ruinen machen. In den 1990ern konnten sich abenteuerlustige Besucher mit einem Jeep über eine schlammige Spur durch den Dschungel machen. Erst zu Beginn der 2000er Jahre wurde die Straße, das Besucherzentrum und ein Museum errichtet. Das 1999 zum Weltkulturerbe erklärte My Son leidet heute, wie wohl unweigerlich alle mit dem UNESCO Status ausgezeichneten Kulturstätten (und dies ist ein weiteres Paradox unserer Zeit), substanziell unter dem Ansturm der Touristen. Die Vorführungen der traditionellen Champa-Tänze mit quietschbunter Lichtshow sind dafür ein sinnbildliches Beispiel. Ganz in der früh ist man allein, und es traumhaft schön.

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