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Die Mayaruinen von Palenque

Palenque ist die westlichste der großen Maya-Städte. Sie liegt südlich des sumpfigen Tieflands von Tabasco, auf den ersten Hügeln der sich erhebenden Sierra Madre. Auf dem vor über 1000 Jahren aufgegebenen weitläufigen Gelände findet sich eine ganze Reihe monumentaler, anmutiger Tempelbauten und Gebäudegruppen, die lange Zeit von der dichten Vegetation des Dschungels verschluckt waren.

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Der bedeutendste Herrscher von Palenque war Pakal der Große, der im Jahr 603 n. Chr. geboren wurde, 615 im Alter von 13 Jahren zum Herrscher erkoren und – wenn wir den Inschriften auf seinem Sarg glauben schenken – nach langer und erfolgreicher Regentschaft erst 683 als 80-Jähriger starb. Ihm zu Ehren errichtete sein erster Sohn und Nachfolger den Tempel der Inschriften, der auf einer neunstufigen Pyramide von 16 Meter Höhe thront, in der 620 Glyphen eingemeistelt sind. Im Jahr 1949 fand man einen geheimen Gang in das Innere der Pyramide. Nach Freilegungsarbeiten machte man tief unter dem Tempel die Entdeckung der noch unversehrten Totengruft Pakals. Ein archäologischer Jahrhundertfund! Pakal selbst lag mit einer Mosaikmaske aus Jade und reichem Dekor geschmückt, in seinem verschlossenen steinernen Sarg.

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Der schrittweise Niedergang Palenques beginnt mit dem zweiten Sohn Pakals, der 702 erst im Alter von 60 Jahren den Thron bestieg. 711 wurde er vom Fürsten der weiter südlich gelegenen Stadt Toniná gefangengenommen. Anstatt ihn als Opfer den Göttern zu überantworten behielt ihn dieser am Leben – weniger aus Hochachtung, denn mehr aus politischem Kalkül, denn so konnte Palenque keinen neuen Herrscher ernennen. Bis ins Jahr 721 verantwortete ein Stadthalter ohne größere Machtbefugnisse das Reich. Dann entbrannten interne Machtkämpfe und bis Ende des 8. Jahrhunderts hatten sich große Teile des Territoriums abgespalten.

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Der Palacio ist ein beeindruckender Gebäudekomplex auf einer annähernd trapezförmigen Plattform. In den vielen verwinkelten Gängen, die sich in mehreren Innenhöfen öffnen, kann sich der Besucher leicht verirren. Orientierung bietet der 15 Meter hohe Turm, der in seiner Form in der gesamten Mayaarchitektur einmalig ist und bis heute Rätsel aufgibt. In den ersten Stock führt gar kein Aufgang. Erst von hier aus windet sich eine sehr schmale Treppe hinauf. Auch besitzt er nur im obersten Stockwerk überhaupt einen Raum, in dem man sich aufhalten könnte. Für praktische Zwecke, z.B. zur Verteidigung, war er deshalb nicht zu gebrauchen. Auch die gern aufgestellte Behauptung, der Turm sei ein Observatorium für astronomische Beobachtungen entbehrt jedem Beweis. Welche Funktion er erfüllte, bleibt ungewiss.

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Auf dem nördlich des Palacio gelegenen Feldes wurde traditionell Ball gespielt. Das Ballspiel war im gesamten präkolumbianischen Amerika verbreitet, wurde in Mexiko jedoch mit besonderer Leidenschaft praktiziert. Jede Stadt der Maya besaß mindestens eine von Tribünen und Tempel umgrenzte Spielstätte. Ziel des Spiels, bei dem weder mit Händen noch Füßen, sondern nur mit Schultern, Hüften und Knien gestoßen werden durfte, war, einen Kautschukball durch den in mehreren Metern Höhe befestigten Steinring des Gegners zu treffen.

Anders als man heute erwarten würde, besaßen die Mayas aber keinen ausgeprägten Sportsgeist, vielmehr waren die Spiele in einen rituellen Kult eingebettet. Am Vorabend des Spiels wurden mannigfache Gebete an die Götter geschickt sowie Ball, Ringe und Ausrüstung wie Handschuhe, Knie- und Schulterschutz mit zahlreichen Zaubersprüchen belegt. Die religiöse Inbrunst erklärt sich aus einer bemerkenswerten Konsequenz, die man in der Fussball Bundesliga heute kaum erwarten kann: alle sieben Spieler der Verlierermannschaft wurden direkt im Anschluss der Partie geopfert, indem man ihnen mit scharfen Messern aus Feuerstein ihre Köpfe abschnitt.

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Die Geschichte der Ruinenstätte seit ihrer Wiederentdeckung durch einen spanischen Erkundungstrupp im Jahr 1750 spiegelt auch die Irrungen und Wirrungen ihrer wissenschaftlichen Erforschung wider. So versuchte der vom spanischen König 1786 mit der Erforschung beauftragte Schiffskapitän und Artillerie-Hauptmann Antonio del Rio nachzuweisen, dass die Erbauer von Palenque von den alten Ägyptern abstammte. Diese mythische Verbindung der Maya-Kultur mit den großen Pyramidenbauern am Nil hat seine eigene Tradition: Schon Tulúm wurde ja bei seiner Entdeckung als »großes Kairo« betitelt. Der erst 1822 veröffentlichte Bericht von Antonio del Rio jedenfalls veranlasste wiederum nachfolgende Wissenschaftlicher zu noch abstruseren Mutmaßungen. Frédéric de Waldeck glaubte in den in Palenque gefundenen Hieroglypheninschriften die Köpfe von Elefanten zu erkennen, die auf dem amerikanischen Kontinent jedoch seit Jahrtausenden ausgestorben waren. Dementsprechend wurde die Datierung der Gründung der Stadt nun in die graue Vorzeit der Geschichte vorverlegt. Das Relief mit dem Symbol eines Kreuzes auf dem sogenannten Kreuztempel wiederum deuteten Missionare als unwiderlegbaren Beweis dafür, dass eine antike christliche Gemeinde in Palenque gelebt haben musste.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verlässt die archäologische Forschung den wackligen Boden wilder Spekulationen und betritt langsam den soliden Grund wissenschaftlich fundierter Argumentation. Der große Mayaforscher Alfred Percival Maudslay schließlich verfasst 1889 einen Plan des gesamten Areals und einen allein auf Belegen gestützten Bericht der Stätte. Hier erst etabliert sich im modernen Sinne eine Archäologie der Maya-Kultur. Aber auch Maudslay war noch genauso Wissenschaftler wie Abenteurer und hatte sich mit schwerem Equipment unter den widrigen Umständen des mexikanischen Dschungels nach Palenque durchgeschlagen.

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