Architecture California Cities Los Angeles

Das Kings Road House in Los Angeles von Rudolph Schindler

Der österreichische Architekt Rudolph Schindler gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter moderner Architektur in Amerika. 1920 war er mit seiner Frau nach Kalifornien ausgewandert und beschloss im folgenden Herbst zusammen mit einem befreundeten Pärchen ein Haus zu errichten.

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Die Vision von Pauline und Rudolph Schindler sowie des Bauingenieurs Clyde Chase und seiner Frau Marian war ein »Cooperative Dwelling for two young Couples«, ein Zweifamilienhaus mit großer Gemeinschaftsküche – zu Beginn der 1920er Jahre ein ungewöhnliches, ja geradezu extravagantes Wohnprojekt. Die Gestaltung des Hauses steht zudem sinnbildlich für den alternativen Lebensstil Schindlers, der Wert auf Naturverbundenheit und ein möglichst ursprüngliches Leben im Freien legte. Dazu kam sein Selbstverständnis als Künstler – als Bohemien – der mit den altehrwürdigen Regeln und Moralvorstellungen der Gesellschaft der Doppelmonarchie, mit denen er aufgewachsen war, brechen wollte. Das Haus war als »demokratischer Treffpunkt« gedacht, für das es eine adäquate architektonische Form zu finden galt.

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Das 100 x 200 Fuß große Gelände ist von dichter Vegetation – Bambusbäumen und Hecken – eingerahmt und von der östlich gelegenen Straße nicht einsehbar. Von hier nähert man sich dem Haus über einen schmalen, langgezogenen Pfad im Süden oder mit dem Auto über eine schmale Zufahrt zur Garage im Norden. Der Grundriss des einstöckigen Gebäudes basiert auf der Form eines doppelten L, die wie zwei sich gegenüberliegende Flügel einer Windmühle angeordnet sind. Der südwestliche Teil dient als Wohnraum und Studio für Rudolph Schindler und seiner Gemahlin und findet seine Entsprechung im nordöstlichen, für das Ehepaar Chase geplanten Teil mit eigenem Eingang. Die von allen gemeinsam genutzte Küche, der Anbau für Gäste bzw. Mieter und die dahinterliegende Garage bilden ein drittes, kleineres L im Nordwesten.

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Durch diese asymmetrische Anordnung der Baukörper und die Einfassung des Grundstücks durch die Vegetation ergeben sich außerdem mehrere, für das Haus ebenso wichtige Außenräume. Beide »Doppelhaushälften« sowie der Gästetrakt besitzen einen eigenen, privaten Patio. Hinter der Garage im äußersten Nordwesten des Grundstücks gibt es zudem einen eingefriedeten Gemüsegarten.

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Als Baumaterialien fungierten unbehandeltes Redwoodholz, Glas und armierter Gussbeton. Letzterer im damals experimentellen tilt slab Verfahren, bei dem vor Ort gefertigte Betonplatten aufgekippt werden – in diesem Fall auf einer polierten Betongründungsplatte, die direkt auf dem Erdboden liegt und zugleich als Fußboden funktioniert. Die aufgestellten Platten sind unverputzt und verjüngen sich nach oben hin, wodurch die Wände leicht geneigt erscheinen und ihre Massivität unterstrichen wird. Schmale Zwischenräume dienen der inneren Beleuchtung. Gearbeitet wurde mit möglichst billigen (und teilweise von dem kalifornischen Architektenkollegen Irving Gill geborgten) Werkzeugen und Geräten.

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Neben den Betonwänden besitzt das Kings Road House zudem hölzerne Wände, die, verglast oder aus (in den Sommermonaten komplett abmontierbarer) Leinwand, verschoben und geöffnet werden können und so einen nahezu ununterbrochenen Übergang von Innen nach Außen ermöglichen. Diese, der traditionellen japanischen Architektur verbundene Gestaltungsweise verinnerlichte Schindler spätestens bei seiner Arbeit mit dem von ihm hoch verehrten Frank Lloyd Wright, in dessen Büro er mehrere Jahre praktiziert hatte, bevor er sich in Kalifornien selbständig machte.

„[The house is] a marriage between the solid permanent cave and the open lightweight tent.“
– Rudolph Schindler

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In beiden Wohnhälften finden sich zwei große Zimmer (Studio und Wohnbereich) sowie ein Bad. Schlafzimmer dagegen waren in Schindlers Entwurf nicht eingeplant. Nach seiner Vorstellung nächtigt man im warmen Kalifornien, gesundheitsfördernd und ganz mit der Natur verbunden, im Freien. Zu diesem Zwecke entwickelte er die sleeping porches. Diese beiden aus Redwood konstruierten „Schlafkörbe“ mit Pergola befinden sich auf dem Dach und sind aus dem Inneren des Hauses her über schmale Treppen erreichbar.

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Das spartanische Badezimmer befindet sich unterhalb des Schlafkorbs. Eindrucksvoll sind die Badewanne und der Waschtisch, die in Ortbeton gegossen und durch kein verkleidendes Material kaschiert sind.

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Insgesamt besitzt das Haus zwei große Außen- und fünf Innenkamine. Sie sorgten nicht nur für eine romantische Stimmung im Patio, sondern waren, da jegliches Heizungssystem im Haus fehlte, die einzigen Wärmequellen und insofern ein zentraler Bestandteil des naturverbundenen Lebens.

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Während Schindlers Freund und langjähriger Weggefährte Richard Neutra, der sogar eine Zeit lang im Kings Road House wohnte, 1932 in der legendären Modern Architecture Ausstellung im Museum of Modern Art in New York zum neugekürten Kanon des International Style aufstieg, blieb Schindler der Ruhm der Architekturszene lange verwehrt. Erst nach seinem Tod 1953 würdigte man seine Werke – als bahnbrechend für die Entstehung eines eigenen California Modern. Gerade aber seine Verbindung moderner Konstruktionsweise mit einer im Einklang mit der Natur stehenden Wohnphilosophie könnte aktueller kaum sein – und muss bis heute keinen Vergleich scheuen.

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Seit 1994 befindet sich das MAK Center for Art and Architecture, eine Dependance des österreichischen Museum für Angewandte Kunst im Schindler House, das es für die Öffentlichkeit zugänglich macht und immer wieder interessante Wechselausstellungen zeigt.

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Neben dem Kings Road House widmet sich Acanthus auch dem zweiten Meisterwerk Schindlers der 1920er Jahre: Dem Lovell Beach House in Newport Beach.

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