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Carlo Scarpa und die Tomba Brion

Sie gilt als eine der wichtigsten Arbeiten des großen venezianischen Architekten der Moderne. Was aber ist die Tomba Brion? Bezeichnungen wie Grab, Grabmonument oder Mausoleum greifen zu kurz. Auch Garten oder Nekropole treffen nicht den Kern. Carlo Scarpa selbst bezeichnete sie als Pfad. Die sublime Zwecklosigkeit der Architektur macht sie zu einem der größten Werke moderner Poesie.

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Der Aufbau der Tomba Brion

Die Anlage grenzt L-förmig an einen bestehenden rechteckigen Friedhof etwas abseits des Orts Altivole an. Eine um 60 Grad nach innen gekippte Betonmauer grenzt den Bereich zur umgebenden Landschaft ab; Das Bodenniveau des Areals ist leicht angehoben. Dadurch ist es von außen nicht einsehbar, im Inneren aber kann man den Ausblick auf die Felder, das ruhige Örtchen und das dahinter anschließende Alpenpanorama genießen.

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Die Tomba Brion ist über zwei Eingänge erreichbar. Im Osten ist der Zugang über den allgemeinen Friedhof. Hier findet sich das sprechendste Symbol in Scarpas Schaffen: Zwei ineinander verschränkte Kreise, die einen dritten, inneren Raum einschließen. Seine eigene Form des ewigen Prinzips des Yin und Yang, des Männlichen und Weiblichen.

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Im Nordwesten hat die Anlage zudem ein eigenes Tor zur Straße hin. Von hier aus trifft der Besucher auf die kleine Kapelle, die öffentlich nutzbar ist und bis heute für Totenmessen Verwendung findet. Als Eingang funktioniert ein Ω-förmiger Torbogen. Der asketische kleine Raum mit Altar besitzt eine Reihe von Fenstern und ein geradezu archaisch wirkendes Deckengewölbe. Von hier führt der Pfad durch eine schmale Tür und über ein Wasserbecken in einen hinteren, von Zypressen abgeschiedenen Bereich: Ein Ort der Harmonie zwischen Natur und menschlicher Schöpfung.

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Die vielfachen Abstufungen und ornamentalen Muster finden konsequent in allen Elementen des Baus – vom Außenbau bis hin zum Weihwasserbecken – Anwendung. Dennoch zögert man mit dem Begriff »Gesamtkunstwerk«, der auch für eine gotische Kathedrale oder einen japanischen Shinto-Schrein ein nicht ganz passender Ausdruck ist.

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Carlo Scarpa: Architektur als Poesie

Während bei der Kapelle für Totenmessen – als Ort der Erinnerung und Versenkung – noch von einer Funktion gesprochen werden kann, lösen sich andere Bauteile von einem eindeutigen Zweck. Die Grabmäler der Familie Brion sind in frei künstlerischen Formen gestaltet. Carlo Scarpa, der in diesem Projekt keinerlei Einschränkungen des Bauherrn beachten musste, erschuf in dem 2.220 Quadratmeter großen Areal seine Vorstellung reiner Architektur. Ein schmaler Korridor öffnet sich an einer Seite und endet in einer offenen Wiese. Enge Koridore und weite Räume, Verschachtelungen und Öffnungen wechseln sich ab. Dabei herrscht eine seltsame, in der Moderne fast ungekannte Andächtigkeit. Raumerfahrungen, die kaum in Worten fassbar werden und intuitiv als irgendwo im Lauf der Geschichte verlorene Sinnbilder erlebt werden. Architektur als Poesie.

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„[Tomba Brion has] an exceptional, astonishing complexity and density as is found only in an ancient monument, created by layers of subsequent interventions“
– Paolo Portoghesi

Große Inspiration für Carlo Scarpa war zeitlebens der amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright. Wie dieser interessierte Scarpa sich auch für die traditionelle japanische Architektur. Wrights Begeisterung für ausufernde geometrische Musterungen findet in seinen von präcolumbianischer Baukunst beeinflussten Arbeiten der 1920er Jahren seinen stärksten Ausdruck.

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In der Grabanlage Brion aber übertrifft Scarpa sein Vorbild noch. Er selbst bezeichnete sie als sein Meisterwerk. Obwohl gänzlich abstrakt und ausschließlich in Beton gegossen, erinnern die Formen in ihrer Überfülle in der Tat an die Pyramidenbauten und Monumente der Maya. Man denkt dabei auch an die hochentwickelte Schriftkunst der Maya. Ein in moderner Architektur kaum vergleichbarer Eindruck eines mythischen Wirkens. Die Komplexität der in einander verschachtelten Ornamente, die wie in einer musikalischen Partitur wiederaufgegriffen und variiert werden, machen es zu einem im eigentlichen Sinne zeitlosen Monument.

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Der lebensfrohe, pulsierende Scarpa war in seinem Leben von einigen Unglücken verfolgt. Aufgrund eines bürokratischen Formfehlers wurde er nie offiziell für seine Profession zugelassen – die Einreichung für alle seine Bauten unterzeichnete sein Assistent. Bis zu seinem Ende blieb er ein Außenseiter in der modernen Architekturszene. Noch dazu war das politische Klima im Italien der 1960er und -70er Jahre vom Kampf zwischen Kommunisten und Christdemokraten geprägt. Scarpa bezeichnete sich als »authentischer Kommunist«. Wegen seiner Arbeit für Giuseppe Brion, Gründer des italienischen Elektronikunternehmens Brionvega, wurde er damals – heute kaum mehr vorstellbar – von seinen venezianischen Studenten als Kapitalist übel beschimpft, die Grabanlage sogar mit Sprüchen beschmiert.

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Die Anlage ist ein in Beton gebautes Rätsel, vielschichtig und verschlungen wie das Leben. In seiner tiefgreifenden, mystischen Stimmung ist es am ehesten mit Le Corbusiers Kloster La Tourette in der Nähe von Lyon vergleichbar. Dagegen strahlt er zugleich eine gelassene Heiterkeit aus, die unserer Kultur im Angesicht des Todes seltsam vorkommt. Scarpa liebte diesen Ort. Nach seinem Tod in Japan 1978 wurde er im angrenzenden Friedhof in einem geheimen Grab bestattet.

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In the work of Carlo Scarpa

»Beauty«
the first sense
Art
the first word
Then Wonder
Then the inner realization of »Form«
the sense of the wholeness of inseparable elements.
Design consults Nature
to give presence to the elements.
A work of art makes manifest the wholeness of »Form«
the symphony of the selected shapes of the elements.

In the elements
the joint inspires ornament, its celebration.
The detail is the adoration of Nature.
Louis I. Kahn

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Neben der Tomba Brion widmet sich Acanthus zwei weiteren Meisterwerken Scarpas: Der Gipsoteca Canova in Possagno und dem Castelvecchio in Verona.

  1. Josef Eimannsberger

    Sehr geehrter Herr Stumm,

    offensichtlich stammen die Fotos tatsächlich von 2016, ich war Anfang Oktober 2016 zum wiederholten mal auch dort und sehe auf Ihren Bildern das gleiche wie vor Ort: Die Anlage war zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht komplett., es fehl(t)en die Holzteile. Die Oberlichtöffnung der Kapelle war bei früheren Besuchen komplett mit Holzlatten ausgetreppt, und der Pavillion im Wasserbecken war im oberen Bereich ebenfalls mit Holz verschalt. Sie können das auch auf älteren Fotos und den wunderbaren Zeichnungen Carlo Scarpas sehen.
    Da es Holzteile betrifft hoffe ich, daß es sich um Renovierungsmaßnahmen handelt und nicht um Verfall. Ich werde heuer im Oktober wieder hinfahren; mal sehen wie es dann ausschaut.

    Mit freundlichen Grüßen

    Josef Eimannsberger

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