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Carlo Scarpa und die Gipsoteca Canova in Possagno

Die Gipsoteca Canova beherbergt die größte Modellsammlung der Skulpturen von Antonio Canova (1757-1822). Der venezianische Architekt Carlo Scarpa errichtete 1957 einen Erweiterungsbau für das Museum, der die klassischer Schönheit verpflichteten Bildwerke Canovas harmonisch, geradezu geistesverwandt in moderner Architektur umfasst.

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Die Gipsoteca Canova in Possagno

Das Museum in Possagno ist allein dem großen klassizistischen Bildhauer Antonio Canova gewidmet, der in dem kleinen, abgelegenen Ort im nördlichen Veneto geboren ist. Nach dem Tod Canovas 1822 sammelte sein Stiefbruder, der Abt Sartori Canova, die in Ton und Terracotta ausgeführten Modelle seiner berühmten Marmorstatuen. In einer vom venezianischen Architekten Francesco Lazzari errichteten Halle mit Tonnengewölbe und abschließender Apsis kamen sie zur feierlichen Aufstellung.

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Zum zweihundertsten Geburtstag von Canova im Jahr 1957 sollte das Modell seiner Skulpturengruppe Theseus besiegt den Centauren von Florenz nach Possagno kommen und in diesem Zuge auch der Museumsbau deutlich vergrößert werden.

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Carlo Scarpas Neubau für die Gipsoteca Canova

Die Erweiterung von Scarpa besteht aus einem Vorbau an den schon vorhandenen Ausstellungsraum sowie zusätzliche Räume im Westen. Der parallel laufende Bautrakt ist mehrfach abgetreppt und besitzt unterschiedliche Raumhöhen. Ein einfacher, aber spannender Effekt, der eine variantenreiche Inszenierung der Arbeiten von Canova ermöglicht. Die Farbgebung des Innenraums nimmt die Weiß- bis Grautöne der Plastiken auf. Eine wandhohe Fensteröffnung am perspektivisch spitz zu laufenden Ende gibt den Blick auf die von Scarpa gestaltete Dachgartenlandschaft mit Wasserbecken frei.

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Der angrenzende quadratische Raum war von Scarpa wohl ursprünglich für die Aufstellung der Theseus-Gruppe konzipiert und besitzt eine eindringliche Gestaltung durch natürliche Beleuchtung. Die vier Ecken den Raumes sind ausgeschnitten und ragen als autonome Blöcke aus Licht hinein. Das gleißenden Sonnenstrahlen, die zurückhaltenden Museumswände und die weißen Plastiken von Canova verbinden sich zu einem ruhigen, sinnlichen Gesamtkunstwerk von einzigartiger Schönheit.

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Die Modelle besitzen eine Vielzahl an kleinen Punkten. Sie dienten Canova als direkte Vorlage für die Behauung des Marmors – die Vermessung der Markierungen leistete einen essentiellen Beitrag bei der Kopierung in Stein. Seine Arbeitsweise lässt sich heute direkt und unvermittelt ablesen. Zugleich erhalten die Plastiken durch die Punktrasterung eine seltsam zeitgenössische Anmutung.

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Nach dem Tod des weltberühmten Bildhauers wurde ihm zu Ehren der Tempio Canoviano am höchsten Punkt von Possango errichtet. Der Körper Canovas befindet sich indessen in seinem Grab in der Frari Kirche in Venedig, sein Herz wird gesondert in einer Porphyrvase in der Academia der Lagunenstadt verwahrt. Die Gipsoteca und das angeschlossene Wohnhaus Canovas aber lassen das kleine, schon weit in den Bergen gelegene Possagno zur Stätte von Canovas Ideenwelt werden. Eine angemessenere Architektur als Scarpas moderner Museumsbau lässt sich für diesen großen Geist nicht finden.

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Neben der Gipsoteca Canova widmet sich Acanthus zwei weiteren Meisterwerken Scarpas: Der Tomba Brion und dem Castelvecchio in Verona.

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