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Carlo Scarpa und das Castelvecchio in Verona

Architekt Carlo Scarpa ist der unübertroffene Meister der Neuinterpretation historischer Baumonumente. Der extensive Einsatz von Stahl und Beton im Castelvecchio in Verona verbindet mittelalterliche Burgenarchitektur mit modernem Brutalismus und Scarpas eigener, gebauter Poesie.

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Die Geschichte des Castelvecchio in Verona

Die Burganlage des Castelvecchio mit der über die Etsch gespannten Brücke wurde 1354 von Cangrande II. aus dem im Hochmittelalter führenden veronesischen Herrschergeschlecht der Scaliger (oder Della Scala) erbaut. Die hohen Wehrmauern wurden im Süden und Osten – und damit in Richtung der Stadt – errichtet. Die Burg diente also von Anfang an nicht primär der Verteidigung Veronas, sondern dem Schutz der Scaliger vor dem Aufbegehren ihrer eigenen Bürger.

Der Palast lag im Westen und die Schutzmauern fassten einen weiten, zur Etsch offenen Garten ein. Der heute dominante Bauriegel im Norden wurde erst 1802-06 unter Napoleonischer Besatzung ausgeführt und diente mit seiner schlichten Südfassade als Kaserne.

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Umbauten des Castelvecchio im 20. Jahrhundert

Antonio Aveva, Direktor der Museen Veronas, setzte 1923 durch, dass die in der Stadt verstreuten Sammlungen unter dem Dach eines neuen, im Castelvecchio zu etablierenden Museums vereinigt werden sollten. Der lokale Architekt Ferdinando Forlati wurde mit der »Restaurierung« des Baumonuments beauftragt. Dafür ließ er die schmucklosen Kasernenfassaden fast vollständig abtragen und unter Verwendung von Portalen und Fenstern, die nach der Überschwemmung Veronas im Jahr 1882 aus abgebrochenen Palästen des 15. und 16. Jahrhunderts zuhauf in den Depots lagerten, neu aufbauen. Entstanden ist eine »spätgotische« Fassade sowie eine »Renaissancefassade«, die in ihrer Stilfolge eine rege Bautätigkeit über die Jahrhunderte suggeriert, die so niemals stattgefunden hat. Die heutige Innenhoffassade ist also ein reines Phantasieprodukt des frühen 20. Jahrhunderts – wenn auch nicht ohne Reiz. Auch der für die neue museale Inszenierung angedachte Innenraum wurde massiv umgebaut: Tonnengewölbe wurden durch Holzbalken- und Kassettendecken ersetzt, die Ornamente des 17. und 18. Jahrhunderts imitierten.

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Carlo Scarpa: Die Transformation des Castelvecchio

Carlo Scarpas Arbeiten dauerten von 1957-75, das Museum konnte ab 1964 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Seine Intervention basiert auf der prägnanten Verwendung von Stahl und vor allem Beton. Prägnant beispielsweise an der Westseite der ehemaligen Kaserne, die als Palast »rekonstruiert« wurde. Lediglich ein Dachbalken aus Stahlbeton reicht bis zur westlichen Stadtmauer. Auch die verputze Wand bricht abrupt ab, wirkt wie ausgeschnitten und ermöglicht am offenen Stahlträger vorbei den Blick ins Innere. Hier steht auf einem weit auskragenden Betonsockel (als Replik) das wichtigste Exponat des Museums, das Reiterstandbild des Cangrande. Aus der Nähe kann er von einem darunterliegenden, mit dünner Metallbrüstung ausgeführtem Balkon betrachtet werden. Ausgerichtet ist die Statue direkt auf die Besucher, die aus dem Gebäude kommen und über einen Steg und durch die alte Stadtmauer in den westlichen Teil des heutigen Museums gelangen.

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In Zuge der Transformation scheut der Architekt damit nicht die Zerstörung eines beträchtlichen Teils der historischen Substanz. Carlo Scarpa ignoriert damit fundamentale denkmalpflegerische Grundsätze zur Erhaltung historischer Baumonumente. Auf der anderen Seite ist sein Einsatz von unterschiedlich behandeltem Beton im Castelvecchio ein kongeniales Konzept, die Wehrhaftigkeit der mittelalterlichen Burg in einer modernen Formensprache zu interpretieren.

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»To a degree unmatched by any other Modern architect, Scarpa stood in two worlds: the ancient and the modern – the particular historical place and the larger contemporary world. Through his work he forever joined these two worlds, constructing an entirely new interpretation of architectural preservation and renovation by producing works that integrate, engage and transform their place.« – Robert McCarter

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In vielen Details der Transformation findet sich eine in ihrer Konsequenz bestechend logische Weiterentwicklung, die Vergegenwärtigung einer historischen Idee in moderner Architektur. Scarpa betrachtet das scheinbar Banale mit Respekt. Das Monument ist für ihn aber nicht wegen seines Alters allein verehrungsvoll. Carlo Scarpas Intervention ist eine architektonische Auseinandersetzung mit Erinnerung und Geschichte, die nicht scheut, sich dem Narrativen und Metaphorischen zu öffnen, anstatt ausschließlich zu konservieren. Ein in der Moderne radikal anderer Umgang mit historischen Bauten – Geschichte ist nicht Quell reiner Wissenschaft, sondern der Poesie!

Neben dem Castelvecchio widmet sich Acanthus auch zwei weiteren Meisterwerken Scarpas: Der Gipsoteca Canova in Possagno und der Tomba Brion.

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